![]() |
||||||
|
RabART für alle Frankfurter Rundschau - 28. Juli 2001 Uwe Bressem bring Kunst und Kantine in Einklang, und das Essen wird sogar ein bisschen billiger Uwe Bressem ist Koch. Er hat eine Kantine. Und einen Internetzugang. Tagsüber verbringt er ungefähr 12 Stunden hinter Töpfen im Keller des Rathauses Wedding. Danach sitzt er vor dem Bildschirm. Sein Faible gilt allem, was fliegt: Drachen, Vögel, Flugzeugen. In seiner Fantasie reicht das Schöne bis zum Horizont. Denn Uwe Bressem ist auch Künstler. Mail-Art-Künstler. Seine Bilder dürfen reisen. Am liebsten durch die Luft. Nachts malt der 40jährige seine Miniaturen. Lilienthals Gleiter, Zeppeline, Raketen, Luftschiffe. "Versuchen Sie einmal eine Idee auf einen Quadratzentimenter zu bringen. Das ist nicht so leicht." Mail-Art ist ein leiser Versuch, etwas mitzuteilen. Der Postweg trägt es in die Welt. Nicht ohne Risiko des Verlusts. Einmal angekommen wird die Kunstpost zur Trophäe des Empfängers. Mail-Art muss sich im Alltag bewähren, um vollendet zu sein. Erst der Stempel gibt ihr Legitimation. Wie wirkungsvoll die Nachrichten auf den Briefen sind, steht dahin. So hat die amerikanische Künstlerin Joan Menapace beispielsweise direkt nach der letzten Präsidentenwahl Marken mit Bushs und Gores Konterfei in Umlauf gebracht. Anstatt Cents ziert der arithmetischer Risiokofaktor "51%" die Bildchen. Beide Männer waren Sieger. Helden unter den Mail-Art-Künstlern, wie Clemente Padin aus Uruguay, sind für ihre Kunst im Gefängnis gesessen. Das Clandestine, der Subtext, die Nachricht jenseits des Abgebildeten ist, was zählt. Wenig verwunderlich gelten denn auch Briefe aus Internierungs-, Konzentrations- oder Gefangenenlager mit selbstgemalten Marken heute als viel begehrte Sammlerstücke. Bressems Leidenschaft geht weit über das Malen von Briefmarken hinaus. Er ist der Konzeptkünstler unter den Mail-Art-Machern. Während er in einem Trog Hackfleisch für Bouletten knetet, erzählt er von seinen Projekten. Vor kurzem hat er den "Himmels-Aal" kreiert. Rohrpost der Lüfte. Eine versiegelte Architektenrolle wurde aus 160 Metern Höhe abgeworfen. Langsam schwebte sie an drei Regenschirmen der Erde zu: Einem bunt gepunkteten, einem türkisfarbenen und einem roten. In der Rolle waren Mail-Art-Briefe. Per Internet war die Einladung zur Himmels-Aal-Expedition heraus gegangen. Fast 200 Antworten aus aller Welt kamen. An der geplanten Abwurfstelle musste Bressems Freundin die Architektenrolle suchen. Und finden. Bevor die Briefe an die Künstler zurück gingen, wurden sie mit einer "Bordmarke" und einen Sonderstempel versehen: "Erste Ereignispost - Motorgleiterabwurfpost". Eine Konzeptkunstidee jagt die nächste. Demnächst wird das "Zepp-O-gramm" seine Initiation erleben. Bressems neues Projekt. Ein ferngesteuerter Miniaturzeppelin wird Post von A nach B transportieren. Die Orte sind nicht wichtig. Auch nicht deren Entfernung. Nur dass es stattfinden wird. Alles ist eine Frage der Leidenschaft. Noch können Briefe eingeschickt werden für die Jungfernfahrt. Bressem ist ein Visionär, ein Himmelstürmer, ein Idealist. Sein größter Traum: "Eine Gesellschaft zur Aufhebung der Schwerkraft gründen. "Vor allem aber ist er anspruchslos. Vor zehn Jahren hat er, der früher zu den besten Köchen Deutschlands zählte und in London, Berlin und Genf in Fünf-Sterne-Hotels arbeitete, die Rathauskantine gepachtet. Im Wedding. Der hauptstädtischen Kulturdiapspora mit 150.000 Bewohnern. Theater und Kinos gibt es hier nur im Kleingedruckten. In Galerie- und Restaurantführern ist der Ort ein weißer Fleck. "Du bist verrückt! Du setzt deine Karriere aufs Spiel!" lauteten die Kommentare der Freunde. Kultur kommt auf der Weddinger Landkarte als Suchbild daher. Finden Sie sie! Bressems Kantine ist so ein Versteck. Auf seine Initiative hin haben die international vernetzten Mail-Art-Künstler nämlich "RabARTmarken" gemalt. Seit ein paar Monaten gilt nun: Nicht Fliegen, sondern Essen. Für jedes Menü gibt es ein Märkchen. Sechzehn davon braucht man für ein "RabARTmarkenheften". Vollgeklebt, wird die nächste Rechnung 1,60 DM billiger. 64 Motive von 17 Künstlern aus den USA, Holland, Japan, Großbritannien und dem Wedding haben mitgemacht. "Schafft ‚Useful Art'", forderte der Koch seine Künstlerkollegen per Mailingliste auf. Manche aus der Mail-Art-Szene waren sich dennoch zu fein dazu. Bressem hat sie aufgerüttelt: "Keiner von euch hat bisher Kunst gemacht, die in den Alltag hineinreicht!" Das zeigte Wirkung. Es ist nun einmal Bressems Leidenschaft, sich Dinge auszudenken und sie umzusetzen. "Ich habe eine hohe Überzeugungskraft."
Unzensiert hat der Koch die Märkchen nebeneinander gestellt und drucken lassen. Fische, Schildkröten, Libellen, Affen, keltische Symbole, Jäger, Sammler, das ganze Universum. Der Engländer Alan Brignull hat gar einen "GUTschein" gemalt. Das englische Wort "gut" heißt auf deutsch "Darm". Entsprechend zieren Gedärme das Bildchen. Die RabARTmarken sind künstlerisch betrachtet "Multiples". Limitierte Editionen. Wenige Stammgäste haben das verstanden und sammeln sie.
Bressems Ziele sind hochgesteckt. Eigentlich wollte er über die RabARTmarken mit den Leuten ins Gespräch kommen. Es klappte nicht. Alles ist wie gehabt. "Ich denke er ist Künstler, dann kann er auch Königsberger Klopse machen", so der Kommentar der Alteingesessenen. Bressem hätte so gerne etwas von seiner Liebe zur Wirklichkeit jenseits des Alltäglichen weiter gegeben. Aber nein: Anerkennung wird nur über Arbeit definiert. "Das Letzte, was die Leute brauchen, ist Abwechslung. Alles Neue macht Angst." |
Home - Press - Documentations - Shop - Stamps for Charity - Activities - Contact © 2003-09 Uwe Bressem, Berlin |